AnlauttabelleEin Erfahrungsbericht

Nach 10 Jahren Unterricht in der Eingangsstufe war ich zunehmend unzufrieden mit meinem Anfangsunterricht: oft fühlte ich mich total ausgepowert, empfand es als zäh und anstrengend, den Kindern das Lesen und Schreiben beizubringen: immer wieder dieselben Übungen ....! Dabei brachte alles Bemühen und Erklären manchmal wenig Erfolg. Zudem mussten für die leistungsstärkeren Schüler ständig zusätzliche Aufgaben gefunden werden, die sie bei Laune hielten; trotzdem klaffte die Schere zwischen "guten" und "schlechten" Schülern immer weiter auseinander.

Also las ich viel über Anfangsunterricht, ging auf zahlreiche Fortbildungen und suchte nach Alternativen. Beim Grundschultag in Emmingen 1994 hörte ich zum ersten Mal von "Lesen durch Schreiben" nach Jürgen Reichen. Das Gehörte machte mich neugierig, überzeugte mich aber noch nicht so ganz: zu viele Fragen blieben ungeklärt, zu viele Unsicherheiten der Referentin Übertrugen sich auf meine Sichtweise der Methode. Mit den Jahren wuchs aber der Schul-Frust und der Wunsch, es mal ganz anders zu versuchen. Bei der DIDACTA in Stuttgart im Februar 1997 stolperte ich über Informationsmaterial über "Lesen durch Schreiben" von Jürgen Reichen. Nach der genauen Durchsicht war mein Interesse geweckt, der Besuch in einer 1.Klasse, die diese Methode bereits praktizierte überzeugte mich endgültig: ich wollte es angehen!

Voller Euphorie setzte ich nach gründlichem Studium der Materialien einen ersten Elternabend vor Beginn des neuen 1.Schuljahres an. Leider teilten viele Eltern meine Begeisterung nicht: sie sollten ihre Kinder einfach lernen lassen, ohne gezielt eingreifen und mit einer Fibel "üben" zu können? Unmöglich! Außerdem: wie sollen die Kinder richtiges Schreiben lernen, wenn sie schreiben können wie sie wollen? Trotzdem wollte ich es versuchen und versprach den Eltern regelmäßige Treffen, um uns über unsere Erfahrungen auszutauschen. Schon in den ersten Wochen war ich begeistert: Die Kinder waren mit Feuereifer bei der Sache, schrieben mit Wonne und großem Eifer und ich konnte sehr schnell und einfach erkennen, wo bei einzelnen Kindern Defizite in der Wahrnehmung, in der Aussprache oder beim Auflautieren von Wörtern erkennbar waren. Das machte ein schnelles Eingreifen und individuelles Üben möglich − im "normalen" Unterricht ebenso wie im Stützkurs. Als nach wenigen Wochen schon die ersten Kinder ohne Buchstabentabelle zu schreiben begannen, nach ca. 6 Wochen die ersten Kinder bereits anfingen ganz von alleine, sozusagen als Nebenprodukt des Schreibens, einfache Texte zu erlesen, war ich begeistert.

Es machte mich glücklich zu sehen, wie nach und nach jedes Kind erstaunt feststellte, dass es lesen kann. Auch das schwächste Kind der Klasse, das nach dem 1.Schuljahr auf die Förderschule wechselte, konnte gegen Ende des Schuljahres einfache Texte selbstständig und sinnerfassend lesen! Leistungsstarke Kinder fragten schon früh, warum bei manchen Wörtern Buchstaben doppelt vorkommen, welche Wörter groß geschrieben werden müssen usw. und versuchten, so gewonnene Rechtschreibregeln beim eigenen Schreiben gleich mit einzubauen. Da die Kinder im deutlichen Sprechen und Hinhören geschult wurden, hatten auch ausländische Schüler die Chance, genauere Kenntnisse der deutschen Sprache und deren Gesetzmäßigkeiten zu erlangen. Die regelmäßigen Elternabende ca. alle 6 Wochen verliefen immer entspannter. Schon bald waren alle Eltern von der neuen Methode angetan, viele begeisterten sich an der ungezügelten Schreibfreude ihrer Kinder.

Erstes_Schreiben

Trotzdem traten im Laufe des Schuljahres immer wieder Unsicherheiten auf, kam ich ins "Schwimmen", ob und wie ich weiter machen sollte. Aber immer war da die große Freude, die Kinder beim Lernen zu beobachten. Jeder neue Tag war für mich ebenso spannend wie für die Kinder und ich ging endlich wieder mit Begeisterung in die Schule.

Unerwartete "Nebeneffekte" dieser Erstlesemethode sind:

  • Das genaue Hinschauen, Hinhören, überlegen und das selbstständige Arbeiten überträgt sich auf alle Unterrichtsbereiche.
  • Weil die Kinder individuell lernen können, kommt nie Langeweile auf; jedes Kind kann so umfangreich und anspruchsvoll arbeiten, wie es ihm gerade möglich ist.
  • Dadurch entsteht keine "Rangordnung" in der Klasse, es gibt keine "guten" und "schlechten" Schüler, weil jedes Kind, wie auch immer, sich an persönlichen Erfolgen freuen kann.
  • Schrift wird von Anfang an als Kommunikationsmittel erkannt, das Nachdenken über Rechtschreibregeln macht so einen Sinn.
  • Es muss nicht zuerst Buchstabe für Buchstabe, dann mühsam das Zusammenschleifen der Buchstaben zu Wörtern geübt werden: wer lesen kann, kann es einfach.
  • Es werden keinerlei Extra-Übungen zum sinnerfassenden Lesen gebraucht. Dies erleichtert auch den Umgang mit Sachaufgaben in Mathematik wesentlich.
  • Die Kinder arbeiten ebenso selbstbewusst wie selbstständig und übernehmen die Verantwortung für ihr Lernen gerne selbst.

Bei aller Freiheit, die diese Methode des Lesenlernens bietet, hat sie aber doch auch Nachteile:

  • Die Lehrkraft muss die Kinder ständig genau bei der Arbeit und ihrer Strategiefindung beobachten. Trotzdem muss sie sich mit vermeintlich "schnellen" Hilfen sehr zurückhalten (kein "Guck mal, das macht man so....!"). Das ist oft anstrengend!
  • Die Lehrkraft muss Durchhängephasen der Kinder ebenso aushalten wie eigene Zweifel, die immer wieder aufkommen, weil man sich nicht an feste Vorgaben halten kann.
  • Der Vorteil, Schwächen einzelner Schüler schnell erkennen zu können erfordert schnelles Reagieren und die Bereitstellung entsprechenden Übungsmaterials, was zum Teil recht arbeitsintensiv sein kann.
  • Auch das Ausdenken ständig neuer Schreibanlässe und Geschichten zum Weiterschreiben, die sich möglichst nah an den Erlebnis- und Gedankenwelt der jeweiligen Klasse orientieren sollen, ist immer wieder von Neuem viel Arbeit, da nur wenige Materialien zu jeder Klasse "passen".

Trotzdem: eine Methode, bei der die Kinder mit so viel Freude und so selbstverständlich lesen lernen, die mich so viele glückliche Momente beim Unterrichten erleben lässt, drängt diese vergleichsweise kleinen Schwierigkeiten in den Hintergrund. Es ist einfach spannend, die Kinder beim Lernen zu begleiten! Die vielen kleinen Erfolgserlebnisse der Kinder freuen mich als Lehrerin mindestens genauso wie diese selbst, weil sie unerwartet und nicht "endlich", nach vielem Kämpfen auftreten. Ich jedenfalls kann mir nicht vorstellen, jemals wieder nach dem mehr oder weniger strikten "Fahrplan" einer Fibel zu unterrichten!

Lesen durch Schreiben Was ist das? Wie funktioniert es?

Das Konzept wurde 1970 von Jürgen Reichen in der Schweiz entwickelt und setzt sich zunehmend auch in Deutschland durch. Es basiert auf der Annahme, dass jedes Kind freiwillig und neugierig in die Schule kommt und in der Lage ist, seinem eigenen Entwicklungstempo entsprechend mit der richtigen Anleitung selbstständig zu lernen.

Im Vordergrund steht dabei nicht die Buchstaben-Laut-Zuordnung, sondern die Erweiterung und das Bewusstmachen des Sprachkönnens und der Wahrnehmungsfähigkeit. Von Anfang an wird die Buchstabentabelle eingesetzt. Hier ist jedem Laut ein Bild zugeordnet mit dem entsprechenden Anfangsbuchstaben. Spiele zur Orientierung auf der Tabelle in den ersten Schulwochen erleichtern den Kindern das Zurechtfinden. Erstes und wesentlichstes Lernziel ist die Fähigkeit, ein Wort in seine Lautfolge zu zerlegen und so auch aufschreiben zu können. Dabei werden zunächst drei- und vierbuchstabige Wörter bevorzugt, um den Kindern den überblick zu erleichtern. Zur Unterstützung muss vorab und begleitend die deutliche Aussprache und zahlreiche Übungen zur optischen und akustischen Wahrnehmung durchgeführt werden. Dabei dient das Schreiben nie dem Selbstzweck, sondern wird in Zusammenhänge gebettet (HuS-Themen, Vorlesegeschichten, eigene Erlebnisse, ...), ist damit auch von Anfang an Ausdrucks- und Kommunikationsmittel. Die Kontrolle des Geschriebenen erfolgt durch die Schüler selbst: die Lehrkraft liest das Wort vor, das das Kind geschrieben hat. Dadurch erkennt es selbst, ob alle Laute dargestellt wurden; gegebenenfalls muss das Wort noch einmal geschrieben werden. "Richtig" ist dabei zunächst alles, was lauttreu geschrieben ist. Liniengetreues Schreiben sowie der richtige Einsatz von Groß- und Kleinbuchstaben kommen erst im Laufe des 2.Halbjahres dazu. Durch die ständige Auseinandersetzung mit dem Schreiben, mit Lauten und Zeichen, können die Kinder irgendwann (nach 4 Wochen oder nach einem Jahr, alles ist "normal") plötzlich auch lesen. Sie können es einfach, ohne es je explizit gelernt oder geübt zu haben − eine faszinierende Erfahrung!

schreiben

Nebenbei bemerkt: Der zunehmende Erfolg der Reichen-Methode führte dazu, dass auch in herkömmlichen Fibeln in den letzten Jahren immer häufiger ein "Buchstabenzug", eine Anlauttabelle o.Ä. zur Differenzierung angeboten wird. Die Systematik der Buchstabentabelle nach Reichen ist hier aber nirgends zu erkennen. Auch wird man der Individualität der Schüler hier nicht gerecht: Fibelinhalte müssen transportiert werden, vorgefertigte Arbeitsblätter ausgefüllt werden..... es wird eine "Freiheit des Lernens" suggeriert, die schlicht nicht gegeben ist!

Monika Krahl

 
 

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